Das erste Halbjahr ist rum, die Examen liegen hinter mir und das neue Halbjahr beginnt. Bedeutet das, ab jetzt wirds nur noch weniger? Nein, ganz und gar nicht. Auch in den vergangenden zwei Wochen war wieder einiges los. Wir haben uns den Stadtrat angeguckt, ich war das erste Mal bei den Tigers, das Hockeyteam von Campbellton, wir waren Schneeschuhlaufen und haben viele neue Sachen über die Indigene Kultur gelernt. Doch fangen wir mal von vorne an.
Jede stimme zählt

Vor zwei Wochen besuchten wir den Stadtrat, wo uns die Vorsitzende, Stephanie Anglehart-Paulin, über alle Verfahren in der kanadischen Kommunalpolitik aufgeklärt hat. Im Prinzip ziemlich ähnlich zu Deutschland. Bevor wir gingen, wurde jedoch noch von jedem ein Bild auf dem Stadtradsvorsitzenden-Stuhl geschossen und wir durften in das Gästebuch von Campbellton reinschreiben. Nur eine Frage wollte nicht aus meinem Kopf heraus gehen: Ist Stephanie Anglehart-Paulin nur Vorsitzdende, weil ihr Nachname sich so sehr nach Angela (Merkel) anhört?
Musik, Musik, Musik
Mein Gastvater Maikel liebt Musik. Vor allem kubanische – er ist ja schließlich auch Kubaner. Als ich letztens nach der Schule nach Hause gekommen bin, saß er auf der Couch im Wohnzimmer und spielte auf zwei kleinen Hand-Congas rhytmisch zu der Musik mit. Er fragte, ob ich nicht auch Lust hätte mitzuspielen, und so holte ich das Keyboard und die Gitarre aus meinem Zimmer und wir spielten gute zwei Stunden – vielleicht auch etwas länger, kubanische Musik. Improvisation macht halt immer wieder Spaß. Auch Tito, unserem Vogel, hat die Musik wohl gut gefallen und er schaute immer wieder unschuldig, neugierig über das Keyboard.

Das erste Heim-Hockeyspiel
Ich hatte ja schonmal ein Hockeyspiel Ende Oktober gesehen, am Freitag, den 17. Januar war ich allerdings das erste Mal bei einem Hockeyspiel, hier in Campbellton. Die Campbellton Tigers gegen Edmunston. Letztes Jahr hat Edmunston gewonnen und so war es also ein sehr spannendes Spiel, denn die Tigers wollten nicht noch einmal verlieren. Andere Schüler und ich saßen in der ersten Reihe um direkt auf das Spielfeld gucken zu können. Lange Zeit stand es unentschieden, dann ein Tor für uns, Ja! Doch nich viel später das nächste Tor – für die Gegner. Kurz vor Schluss stand es immer noch unentschieden und so ging es nach dem Schlusspfiff in den Eins zu Eins Kampf – Shootout. Der Torwart, der Tigers hielt jedes Tor, sodass wir schließlich gewannen. Gut gelungendes Spiel!
wandern durch den weißen winterwald
Das Wetter ist zur Zeit sehr abwechslungsreich. Mal ist der Himmel grau-weiß, und es hört gar nicht auf zu schneien, mal regnet es Eis und manchmal kommt die Sonne raus und der Winter erstrahlt in seinen schönsten Farben. Letzte Woche Samstag war mal wieder ein Tag, voller Sonnenschein und bestem Wetter. Wir entschlossen uns zur Bibliothek zu gehen und uns Schneeschuhe auszuleihen. Schneeschuhe, sind eine Art Trittfläche, die wie ein Tennisschläger, die Aufschlagfläche vergrößert. Mit dieser Adaption an den normalen Winterschuh, kann man dementsprechend deutlich besser im Tiefschnee laufen, ohne einzusacken. Nachdem wir die Schneeschuhe hatten, fuhren wir etwa 20 Minuten in einen schönen Wald, in der Nähe von Balmoral. Dort gab es eine nette Strecke, die ungefähr 60 Minuten dauerte. Das ganze Schneestapfen war jedoch auch für einen guten Zweck. Denn die Tochter einer Arbeitskollegin von Rachel, ist an Brustkrebs erkrankt und man spendete quasi Geld zu Laufen, um ihr bei ihrer Chemoterapie finanziell zu helfen. In der Galerie zeige ich euch mal von der schönen Strecke.

Meine Gasteltern 
Die modernen Schneeschuhe 
Die indianische Kultur
Hier in Campbellton leben nicht nur Einwanderer Kanadas, also die Franzosen und Engländer, sondern auch ein indianischen Volk, dass ihren Ursprung über 10 000 Jahre zurück verfolgen kann; Die „Listuguj Mi’kmaq First Nation“. Am Freitag waren wir einen ganzen Tag in einer Hütte bei ihnen und sie haben uns über ihre Kultur und Geschichte erzählt und mit uns klassischen Schmuck gebastelt. Sehr interessant ist zum Beispiel, dass sie schon immer geglaubt haben, dass die Erde rund ist und keine Scheibe. Sie beziehen sich dabei auf ein ganz natürliches Verstehen: Alle Versammlungen, die Menschen machen, finden meistens immer im Kreis statt. Auch ihre Tänze und Feste haben sie früher immer im Kreis gefeiert. Um ein Tier töten zu können, mussten sie die Mutter Erde danach fragen und Tabak als Gegenangebot geben, damit der Kreislauf geschlossen bleibt. Aus diesem Grund war es für sie immer schon selbstverständlich, dass alles natürliche, die Form eines Kreises haben muss. Außerdem ist Wasser für sie etwas ganz heiliges, da sie es als Blut der Erde bezeichnen und es deshalb weder verschwenden, noch verschmutzen wollen. Ein anderer sehr interessanter Aspekt ist auch, dass die Mi’kmaq First Nation Homosexuelle, im Gegensatz zu den meisten anderen Religionen der Welt, nie ausgegrentzt hat. In ihrem Galuben waren Frauen immer das wertvollere und Frauen wurden niemals gewaltvoll oder schlecht behandelt. Dies bezieht sich darauf, da sie als einzige Menschen Leben schenken und als alleinige Gestallt sich, mit ihrem Menstruationszyklus, selbst reinigen. Es gab nur eine Ausnahme – Homosexuelle. Diese wurden nämlich als Frau und Mann gehalten. Die wichtige Eigenschaft des Mannes, auf Jagd zu gehen und zu kämpfen, aber auch einfühlsam, wie eine Frau zu sein und die richtigen Worte zu finden, sowie im Haushalt helfen zu können. Diese dopplete Fähigkeit wurde so bewundert, dass Homosexuelle die höhste Stellung in ihrer Gesellschaft hatten.

Der zugefrorene See 
Thien hat Spaß! 
Strahlend blauer Himmel 
Klassische Schneeschuhe
Eine weitere interessante Einstellung ist das Wahlrecht. In den Gemeinschaften bekamen die Mitglieder ein Votum mitzubestimmen, sobald sie reden konnten. Wenn sie also mit zwei Jahren in der Lage waren, sich gut genug auszudrücken, durften sie bei jeder Entscheidung mitbestimmen. Das ist zwar recht früh, dennoch finde ich das dies ein guter Ansatz ist. Auch ich finde, dass es ein früheres Wahlrecht geben sollte, wenn auch erst ab 16.

Zwischen den spannenden Geschichten und interessanten Welteinstellungen, denen ich gerne zuhörte, hatten wir auch noch eine Outdoor-Aktivität. Wir gingen wieder einmal Schneeschuhlaufen. Dieses Mal allerdings nicht mit den „modernen“, sondern mit den traditionell, handgemachten Schneeschuhen der Ureinwohner. Und weil das noch nicht cool genug war, gingen wir auf einem zugefrorenen See wandern, wie ihr auf dem Bild, hier oben, sehen könnt. Nach dem Bewegen in der kalten Natur, durften wir noch, wer wollte, einen echten Traumfänger herstellen. Meiner ist allerdings noch nicht ganz fertig, weshalb ich heute kein Bild davon posten werde.

Kurz bevor wir schlussendlich zusammen zu Abend aßen, führten wir noch ein traditionelles Gebet durch. Dabei nimmt man zuerst etwas Tabak in die Hand und betet zu Gott. Dabei ist es egal, zu welchem und ob es ein Gott oder irgendetwas anderes ist. Hat man sein Gebet abgeschlossen, gibt man den Tabak in eine Schüssel und zündet den gesammelten Tabak an.
Zur Information: Tabak ist bei den Ureinwohnern etwas ganz Besonderes. Bevor sie auf die Jagd gehen können, müssen sie der Natur Tabak geben und nach der Erlaubnis fragen. Genauso ist es, wenn sie jemanden um einen Gefallen bitten. Tabak ist ein Zeichen von Zuverlässig- und Dankbarkeit.
Der Rauch der anschließend entsteht, wird mit Adlerfedern in der Luft verteilt und jeder, kann sich dabei mit dem Rauch, eine Art selbst reinigen. Dabei ist es Wichtig, dass alles was man macht, vom Herzen kommt und deshalb bewegt man den Qualm immer erst zu seinem Herzen und dann zu den restlichen Teilen, des Körpers, mit denen man sich von schweren Lasten oder anderes befreien möchten. Das Schöne ist, da es hierbei nicht um eine Tradtion von einer bestimmten Religion handelt, kann es jeder machen der möchte, ohne seinen Glauben zu verletzen. Das nenne ich mal fortschrittlich!
Prüfungswoche
Letzte Woche habe ich in allen Fächern, die ich das erste Semester belegt habe, eine große abschließende Arbeit geschrieben. Gar nicht so einfach, denn alles was man in dem ersten Halbjahr gemacht hat, kann vorkommen. Es hieß also lernen. Eine Woche verzichtet man quasi auf die Freizeit und lernt sowohl in der Schule, als auch Zuhause. Zur Übersicht; für Biologie habe ich 18 Seiten Lernmaterial erstellt, um an Hand dessen den Lernstoff noch einmal in Erinnerung zu holen. Ja, das ist einiges an Arbeit, aber es zahlt sich aus. Die Examnote beträgt immerhin meistens um die 30% der Gesamtnote. Außerdem verstehe ich auch, wieso das kanadische Schulsystem, eines der besten der Welt ist; Die Schüler müssen nämlich immer alles wieder neu aufrufen und so kommt es ins Langzeitgedächtnis und bleibt nicht nur für ein paar Wochen im Kopf. Die wohl schwersten Prüfungen hatte ich in Biologie und Human Physiology, da der Stoff, den wir durchgenommen haben, einfach so vielseitig war. Meine Lieblings-Prüfung war definitiv Französisch, denn dort haben wir jeder eine Rolle bekommen und mussten in einem aktiven Rätsel-Rollenspiel herausfinden, wer der Mörder war. Das hat viel Spaß gemacht und ist natürlich auch für das Verbessern der Sprachfähigkeit eine große Hilfe. Englisch war auch nicht zu schwer, allerdings mussten wir einen Aufsatz zu einem Statement zu Shakespeares Macbeth schreiben und erklären, warum das Statement richtig oder falsch ist und all das mit Quellen belegen. Als ich meinen Aufsatz schon fast fertig hatte, war ich allerdings sehr unzufrieden mit dem Ergebnis und so startete ich den Aufsatz noch einmal völlig neu – am Vorabend, der Prüfung, versteht sich. Jetzt warte ich nur noch auf das Ergebnis, aber ich bin mir sicher, das Ändern hat sich gelohnt.
| Fragen aus dem letzten Blog: | Antworten: |
| Gaby: Habe ich das richtig gelesen in der Antwort vom Papa, dass ein Austauschschüler aus Stralsund kommt?? Wenn ja, hast du sicherlich erzählt, dass du schon einmal dort gewesen bist. | Ja, das hast du richtig gelesen und natürlich habe ich ihm davon erzählt, dass wir schon einmal da waren. |
| Gaby: Dirk und ich fahren Ende Mai wieder nach Zingst…dreimal darfst du raten, welche Wohnung wir wieder haben. | Na, Mühlenstraße 19 bestimmt! |
| Gaby: Ich habe gelesen, dass auch in Kanada eine Art Karneval gefeiert wird. Und das der Schneemann „Bonhomme“ da der Inbegriff der fünften Jahreszeit ist. Bin gespannt, ob es stimmt und du uns wenn es soweit ist, etwas darüber erzählen kannst. 🥳🥳 | Bis jetzt habe ich hier noch nichts davon gehört, aber ich werde meine Ohren aufhalten! |
| Dirk: Habe in kurzer Zeit im Hochwasser schöne Hechte gefangen. Dies war an der Stelle wo wir zusammen schon einmal geangelt haben. Du weißt bestimmt noch wo das war. Damals hast Du ein junges Mädchen ausgefragt und dann haben wir noch einen schönen Hecht gefangen 🎣 | Ja weiß ich noch – an der alten Ruhr. Die Geschichte mit der (bestimmt 28 Jährigen) Frau, die MIR erzählt hat, dass ich noch vor Oktober einen Angelschein machen solle, da ich danach 206 Fischarten mehr lernen müsse, wird auch immer wieder verdreht… 😂😉 |
| Vadder: What do you actually do in school sports? | Here in Canada, they don’t have classical school sport (PE). However, they have the teams like Basketball. I don’t know yet, but probably when volleyball season starts, I go to the Try-Outs and try to play for the Volleyball team. |
| Vadder: How do the other exchange students see the school quality in the final exams? Do they find everything easy at all or are there difficulties for them? | Pretty differently. Some exchange students do not see the point of the big final exams, other do. Some found it not too bad other say it was horrible. It was not easy for everyone but also not difficult for all. I think it also always depends on the participation in class and how well you listen to the teacher’s instructions. |
| Vadder: Do you actually get used to the daily extreme cold or do you sometimes long for the bleak winter in good old Germany 😉? | I get pretty well used to the cold here. I don’t really care whether it’s too cold or not. I am still walking every morning to school – so I accept the cold. However, I miss bicycling around the Ruhr but for that I have enough snow for doing some nice winter activities! |
| Vadder: Do we actually have to go skiing every year so that you stay in shape? | Of course not, we don’t. Anyways, if you want to, I won’t say no! 😂 Skiing is fun!😉 |
| Vadder: Do you now go to ice hockey more or something? You wrote sometimes something about the school teams and I think Anthony’s team. I‘ m interested if it is so. | The answer you could read in this blog. The hockey team I wrote about, end of October, was the team of Anthony’s cousin, not Anthony’s school. > Si tu sais, Anthony va au l’école français et n’est pas chez moi. Puis, il ne fait pas un sport au l’école, comme moi. Il aime jouer les jeux vidéo. |
Das war es auch schon wieder für diese Woche. Ich hoffe euch haben die Informationen über die Kultur und Bräuche, des Listuguj Mi‚gmaq Volkes genauso interessiert, wie mich. Wenn ihr noch irgendwelche Fragen habt, hinterlasst mir doch gerne wieder einen Kommentar!
Möchtet ihr eine Zwischenbilanz meines Austauschjahres lesen, dann schaut doch gerne in meinen neuen „Sonderblog #2 – Halbzeit“ oder klickt jetzt HIER.
Bis bald,

What do you become in life now? What will be your profession in the future? Politician (with international education in local politics), musician (with talent for improvisation such as Helge Schneider), naturalist (as winter researcher) or human biologist (or doctor), as your school education in Canada does …? No matter, every activity is important!
It is good that you reflect so carefully the relationships and history of the Canadian Indians! This experience is extraordinary!
Of course I also have a question: aren’t you exhausted after snowshoeing? It has to be very exhausting, isn’t it?
Finaly, funny picture of Tito 👍😅!
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Hallo Tarik, und wieder einmal habe ich mit großer Freude und Interesse deinen Blogeintrag gelesen.
Was du über die Indianische Kultur schreibst, ist schon sehr beeindruckend und interessant.
Bei der Geschichte mit dem Tabak, musste ich direkt an Dirk denken 😉
Jetzt weiß ich auch, wenn er zum angeln geht…warum er sich immer eine Zigarre anzündet!!!!
Zu deiner Frage/Antwort:
Ob du Heimweh hast…ich kann sehr gut verstehen, dass du das mit NEIN beantwortet hast…Ich glaube, bei allem was du bis jetzt schönes erlebt hast…da kann gar kein Heimwehgefühl aufkommen.
Als du in dein Abenteuer aufgebrochen bist…dachte ich auch zuerst…puuuuhhhh 10 Monate 🙈 die gehen ja nie um…doch jetzt sind davon schon 5 vorbei…und es ging doch relativ schnell.
Was nicht heißen soll, dass ich nicht trotzdem froh bin, wenn du endlich wieder Zuhause bist 😊
Aber bis dahin genieße einfach noch jeden Moment…nimm alles an Erlebnissen…Eindrücken…und Erfahrungen mit.
Dazu passt ein Zitat, welches ich in der letzten Woche gelesen habe.
DIE WELT IST EIN BUCH…WER NIE REIST, WIRD IMMER NUR EINE SEITE DAVON SEHEN.
Also, schlag dein Buch auf…und fülle jede Seite mit Leben.
Lieben Gruß und dicke Umarmung
Gaby 😚
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